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Hochschule Harz, TECLA

Kurzbericht von der 1. TECLA-Fachtagung Pflege in Halberstadt

Auf die erste diesjährige TECLA-Fachtagung zur Pflege, die wir im Rahmen unserer Arbeit im ZIM-NEMO-Netzwerk TECLA (Technische Pflegeassistenzsysteme) während der letzten Wochen organisiert haben, hatte ich ja vor einigen Tagen schon einmal hingewiesen. Am Dienstag dieser Woche fand nun die Tagung im Seminarhotel Spiegelsberge in Halberstadt statt, wobei mich die erfreulich hohe Zahl der Teilnehmer – fast 40 VertreterInnen von Pflegediensten, Pflegeeinrichtungen sowie der Wohnungswirtschaft waren der Einladung nach Halberstadt gefolgt – trotz des sicher spannenden Programms sehr positiv überrascht hat. Ein paar persönliche Eindrücke der Tagung möchte ich – abseits der offiziellen Pressemitteilung, die heute oder morgen noch über die Pressestelle der Hochschule veröffentlicht werden wird – nachfolgend wiedergeben. Sämtliche Vorträge – teilweise sind die Folien ja schon hier im Blog eingebunden – lassen sich übrigens über den SlideShare-Account unseres Netzwerkprojekts herunterladen.

Prof. Dr. Ulrich Fischer-Hirchert von der Hochschule Harz, Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke und TECLA-Netzwerkmanager Uwe Witczak auf der 1. TECLA-Pflegefachtagung in Halberstadt (von links).

Prof. Dr. Ulrich Fischer-Hirchert von der Hochschule Harz, Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke und TECLA-Netzwerkmanager Uwe Witczak auf der 1. TECLA-Pflegefachtagung in Halberstadt (von links).

 

Von den kurzen Grußworten von Prof. Fischer-Hirchert (auch HarzOptics-Geschäftsführer), Bernd Skudelny von der Wirtschaftsförderung des Landkreises und des Halberstädter Oberbürgermeisters Andreas Henke hat mich vor allem das des Bürgermeisters beeindruckt, der zwar freimütig einräumte, dass gerade Halberstadt stark von demografischem Wandel und Abwanderung betroffen ist, dies im Folgenden aber vom Problem zur Chance für die Halberstädter Pflege- und Gesundheitswirtschaft umdeklarierte. Henke folgt damit dem eher neuen und pragmatischen kommunalpolitischen Ansatz, nicht mehr auf eine „Errettung“ vor den Folgen des demografischen Wandels und auf eine Trendumkehr per „deus ex machina“ zu hoffen, sondern sich mit den Konsequenzen zu arrangieren und zu analysieren, wie die Entwicklung eventuell zum Positiven genutzt werden kann. Beeindruckt hat mich auch, dass der OB geschlagene drei Stunden an Fachvorträgen „mitgenommen“ hat. Das kennt man von Politikern sonst nicht – als langjähriger Mitarbeiter der Barmer ist Henke ja aber gewissermaßen auch „vom Fach“…

Die Referenten der 1. TECLA-Pflegefachtagung in Halberstadt (von links): Prof. Dr. Ulrich Fischer-Hirchert (Hochschule Harz), Mathias Arnold (Landesapothekerverband), Peter Lennartz (Ernst & Young) und Uwe Witczak (ZIM-NEMO TECLA).

Die Referenten der 1. TECLA-Pflegefachtagung in Halberstadt (von links): Prof. Dr. Ulrich Fischer-Hirchert (Hochschule Harz), Mathias Arnold (Landesapothekerverband), Peter Lennartz (Ernst & Young) und Uwe Witczak (ZIM-NEMO TECLA).

 

Im Anschluss an die Grußworte entpuppte sich gleich der erste Fachvortrag als derjenige, zu dem es die meisten Nachfragen gab: Swen Diedrichs vom Unternehmensbereich Pflege der AOK Sachsen-Anhalt stellte die wesentlichen Änderungen vor, die sich durch die Pflegereform – genauer: das sich in der parlamentarischen Beratungsphase befindende Pflege-Neuordnungsgesetz – voraussichtlich ab Herbst diesen Jahres ergeben werden. Neben der in der Presse umfassend diskutierten Hauptänderung – der Einführung einer staatlich geförderten Pflegezusatz-Versicherung – ergeben sich durch das Gesetz zahlreiche kleine aber durchaus bedeutende Änderungen für Pflegedienstleister und pflegende Angehörige. So verbessern sich etwa die Leistungen für Demenzkranke ganz erheblich – wovon allein in Sachsen-Anhalt etwa 15.000 Pflegebedürftige betroffen sein werden. Darüber hinaus wird der Pflegestufe 0 erstmals ein Pflegegeld in Höhe von 120 Euro zugewiesen, wobei parallel dazu auch die Versicherungsleistungen für die Pflegestufen 1 und 2 angehoben werden. Dass ausgerechnet die höchste Pflegestufe 3 keine Erhöhung erfährt, stößt auch bei der AOK auf Kritik – aber noch ist das Gesetz ja nicht endgültig beschlossen und könnte Änderungen erfahren…

 

Insbesondere ein Kritikpunkt scheint mir besonders relevant: Qualitätskontrollen bei ambulanten Pflegediensten müssen zukünftig wieder mindestens einen Tag im Voraus angemeldet werden – und auch in Pflegeheimen können nur noch sehr eingeschränkt unangemeldete Kontrollen durchgeführt werden, da aufgrund des Datenschutzes eine schriftliche Einverständniserklärung des Betreuten oder seines gesetzlichen Betreuers vor einer Befragung vorliegen muss. Hier wird sicher noch nachzubessern sein, wenn die Pflegereform sich nicht am Ende negativ auf die Pflegequalität auswirken soll…

 

 

Als spannend erwies sich auch der Vortrag von Peter Lennartz von der Unternehmensberatung Ernst & Young, der eine aktuelle Studie zur Entwicklung des Pflegemarktes präsentierte. Geradezu bedrückend waren hierbei die Analysen des Unternehmens zum zu erwartenden Fachkräftemangel im Bereich der stationären sowie der ambulanten Pflege: Im Jahr 2009 arbeiteten zwar bereits 620.000 Menschen in Pflegeheimen, bis 2020 werden jedoch fast 100.000 zusätzliche Mitarbeiter benötigt, um den steigenden Betreuungsbedarf aufzufangen. Schon heute geben ganze 79% der Betreiber von Pflegeheimen an, Probleme bei der Suche nach qualifiziertem Personal zu haben. Aus einer ganzen Reihe von Gründen lassen sich viel zu wenige junge Menschen für den Pflegeberuf begeistern: Das gesellschaftlich schlechte Image der Pflegeberufe, die unattraktive Bezahlung, die schwierigen Arbeitsbedingungen, die schlechten Aufstiegschancen sowie die physischen wie psychischen Belastungen des Berufs führen dazu, dass viele geeignete junge Menschen den Berufsstand meiden oder sich aber nach einigen Jahren umorientieren. Angesichts des zu erwartenden Bedarfs eine unhaltbare Situation – zur gesellschaftlichen Bedeutung des Pflegeberufs werde ich bei Gelegenheit sicher noch einen ausführlichen Blogpost verfassen.

 

Die Zukunft der Arzneimittelversorgung in der alternden Gesellschaft stand im Fokus des Vortrags von Mathias Arnold, dem Vorsitzenden des Apothekerverbands von Sachsen-Anhalt. Als besonders aufschlussreich empfand ich dabei insbesondere die Beleuchtung der Marktmechanismen des Medikamentenvertriebs, die sich doch erheblich von den Vertriebsmechanismen „gewöhnlicher“ Produkte unterscheiden. Diese Sonderstellung fängt schon damit an, dass der Konsument im Grunde äußerst unsouverän agiert, da er sich verschreibungspflichtige Medikamente weder selbst aussuchen kann (dies tut der Arzt), noch sie selbst bezahlt (dies übernimmt die Kasse). Der Apotheke wiederum werden sowohl die Preise als auch die Öffnungszeiten vorgegeben – und darüber hinaus muss durch die Apotheken auch noch eine flächendeckende Verfügbarkeit auch von solchen Medikamenten sichergestellt werden, die nur selten oder nie genutzt werden (etwa Mittel gegen seltene Vergiftungen oder Pandemie-Vorräte). Hinzu kommt, dass Medikamente als Güter oft überlebenswichtig und daher nicht substituierbar sind, zahlreichen gesetzlichen Auflagen unterliegen, mit einem hohen Beratungsbedarf verbunden sind, häufig gefälscht werden und nur eingeschränkt beworben werden dürfen. All dies führt zur Ausbildung eines aus Sicht des Volkswirtschaftlers als äußerst ungewöhnlich zu betrachtendem aber dennoch funktionalem und wichtigem „Markt“, der seine ganz eigenen Probleme mit der Umstellung auf den demografischen Wandel hat.

 

Für den abschließenden Vortrag meines Kollegen Uwe Witczak über die Arbeit unseres ZIM-NEMO-Netzwerks TECLA verweise ich an dieser Stelle der Kürze halber auf diesen Blogbeitrag über Ziele und Aufgaben des Netzwerks sowie diesen Blogbeitrag über eines unserer aktuellen Projekte – die Entwicklung eines digitalen Dokumentationssystems für chronische Wunden. Alles in allem eine äußerst spannende und gut besuchte Veranstaltung, die wir sicher – dann natürlich mit neuen Themen – künftig in regelmäßigen Abständen wiederholen werden. Angedacht ist dabei derzeit eine Frequenz von zwei (natürlich kostenlosen) Veranstaltungen pro Jahr – einer eher praxisorientierten Tagung für Pflegekräfte und Pflegedienstleiter sowie einer eher theorieorientierten Tagung für Wissenschaftler aus der Pflegeforschung und Geriatrie. Die zweite Tagung für dieses Jahr wird übrigens voraussichtlich im Herbst auf dem Campus der Hochschule Harz in Wernigerode stattfinden – alle Interessenten sind uns dabei natürlich herzlich willkommen, den Termin werden wir zeitnah auf der NEMO-Webseite und hier im Blog bekanntgeben.

Mehr als 30 Vertreter aus der Pflegewirtschaft, der Medizintechnik und dem Wohnbau waren der Einladung zur 1. TECLA-Pflegefachtagung nach Halberstadt gefolgt.

Mehr als 30 Vertreter aus der Pflegewirtschaft, der Medizintechnik und dem Wohnbau waren der Einladung zur 1. TECLA-Pflegefachtagung nach Halberstadt gefolgt.

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Über Christian Reinboth

http://www.christian-reinboth.de

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