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TECLA

Kurzbericht von der 2. TECLA-Fachtagung in Halberstadt

Bereits zum zweiten Mal führte das an der Hochschule Harz angesiedelte ZIM NEMO-Netzwerk TECLA (kurz für „Technische Pflegeassistenzsysteme“) am vergangenen Dienstag, den 15.10.2013, seine jährliche Fachtagung im Tagungshotel Spiegelsberge in Halberstadt durch – auch diesmal wieder eröffnet durch den (gerade frisch im Amt bestätigten) Oberbürgermeister Andreas Henke. Die diesjährige Tagung – die, wie ich ja bereits hier im Blog berichtet hatte, auch Teil des offiziellen Veranstaltungskalenders zum BMBF-Wissenschaftsjahr 2013 „Die demografische Chance“ gewesen ist – widmete sich primär der Frage, wie ältere und / oder gesundheitlich eingeschränkte Menschen durch bauliche Maßnahmen oder durch den Einsatz von Technik in den „eigenen vier Wänden“ bei einem selbstbestimmten Leben unterstützt werden können.

Gruppenfoto

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der diesjährigen TECLA-Fachtagung gemeinsam mit Halberstadts OB Andreas Henke und Kreiswirtschaftsförderer Bernd Skudelny (Foto: Maria Winkelmann).

 

Halberstadt bietet sich als Tagungsort bei dieser Fragestellung in besonderem Maße an, da sich die Stadt bereits seit vielen Jahren verstärkt mit den Folgen des demografischen Wandels auseinandersetzen muss. So hat Halberstadt von 2003 auf 2012 mehr als 3.100 Einwohner verloren, was einem Bevölkerungsrückgang von 6,9% entspricht. Diese stark negative Entwicklung schließt bereits die 2010 erfolgte Eingemeindung von fünf weiteren Ortsteilen mit rund 4.700 neu hinzugekommenen Einwohnern ein. Bis zum Jahr 2030 wird derzeit mit einem weiteren Bevölkerungsrückgang um 18,6% gerechnet (ausgehend vom Basisjahr 2009), womit Halberstadt in der Demografie-Klassifizierung der Bertelsmann-Stiftung als Kommune der Klasse 9 (stark schrumpfend mit hohem Anpassungsdruck) einzustufen ist. Die Dynamik dieser Entwicklung zeigt sich auch in den gängigen Kennzahlen: Während etwa der Altenquotient im Jahr 2012 (der Anteil aller Personen ab 65 Jahren je 100 Einwohner zwischen 20 und 64 Jahren) noch bei 41,7% lag, wird er im Jahr 2030 voraussichtlich bei 70,0% liegen. Der Anteil der sogenannten Hochaltrigen unter den Einwohnern (Personen ab 80 Jahre) wird sich im gleichen Zeitraum von 6,2% auf 10,6% beinahe verdoppeln.

Diese Zahlen legen nahe, dass die Anforderungen des barrierefreien bzw. barrierearmen und technikgestützten Wohnens im Alter für die Halberstädter Stadtplaner und Wohnraumanbieter von besonderer Bedeutung sind. Um nicht den Rahmen dieses Blogposts zu sprengen, will ich mich daher nachfolgend auf eine kurze Zusammenfassung von nur zwei der insgesamt sieben Vorträge konzentrieren, die sich der demografischen Problemlage aus der Sicht eines Anbieters von Wohnraum bzw. aus der Sicht eines häuslichen Pflegedienstleisters annähern. Die Foliensätze aller Vorträge können selbstverständlich wie bei jeder TECLA-Veranstaltung über den SlideShare-Account des Netzwerks heruntergeladen werden (Direktlinks folgen weiter unten).

Im Alter selbständig in den eigenen vier Wänden leben from ZIM-NEMO-Netzwerk TECLA

Auf besonders großen Zuspruch stieß vergangenen Dienstag insbesondere der Vortrag von Gabriele Schwentek, der Geschäftsführerin der Diakonie Halberstadt, über das gemeinsam mit vier Wohnbaugesellschaften in Halberstadt, Wernigerode und Osterwiek gestartete Projekt “neues wohnen”. Das Hauptziel dieses am erfolgreichen „Bielefelder Modell“ ausgerichteten Projekts ist die Ermöglichung des möglichst langen selbstbestimmten Wohnens ohne feste Betreuungspauschale. Hierbei schließen Mieter einen regulären Mietvertrag über eine barrierearme oder barrierefreie Wohnung, welcher es ihnen gestattet, zusätzliche Haushalts- oder Pflegedienstleistungen je nach Tagesbedarf über die Diakonie zu beziehen. Das Projekt trägt damit dem Bedürfnis vieler älterer und körperlich eingeschränkter Menschen nach einem möglichst langen und selbständigen Leben in den „eigenen vier Wänden“ Rechnung und berücksichtigt zugleich die finanzielle Situation, in der sich insbesondere viele ältere Mieterinnen und Mieter befinden. Durch die Einbindung ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer etwa in der Arbeit im Wohncafé – dem Herzstück jeder „neues wohnen“-Anlage – wird der soziale Zusammenhalt gestärkt und der Austausch zwischen den Mietern gefördert.

Das „neue wohnen“ gehört zu den derzeit – noch – viel zu wenig bekannten „Star-Projekten“ aus unserer Region im Hinblick auf den demografischen Wandel. Die Wohnungsplatznachfrage steigt beständig an (derzeit kommen etwa in der Halberstädter Anlage zwei bis drei laufende Anfragen auf jede bereits belegte Wohnung), das Feedback der Mieter ist nahezu durchgängig positiv und die beteiligten Diensteanbieter sind trotz des hohen Grades an Flexibilität seitens der Leistungsnachfrager in der Lage, angemessene Gewinnmargen zu realisieren. Man kann nur hoffen, dass das leicht auf andere Regionen übertragbare Modell „neues wohnen“ in den kommenden Jahren auch über die Landesgrenzen hinaus weitere Verbreitung findet.

Die AAL-Musterwohnung der WWG in Wernigerode from ZIM-NEMO-Netzwerk TECLA

Ebenfalls viel Zuspruch gab es für die Präsentation der Musterwohnung für seniorengerechtes und barrierefreies Wohnen der Wernigeröder Wohnungsgenossenschaft eG (WWG) durch Vorstandsmitglied Christian Linde. Die Wohnung, die gemeinsam mit den Unternehmen Steinke Gesundheitscenter GmbH und Gang-Way GmbH sowie dem Hochschul-Forschungsprojekt komoserv (Koordination und Moderation in Servicepartnernetzwerken der ostdeutschen Wohnungswirtschaft) eingerichtet wurde, demonstriert eine Vielzahl von Möglichkeiten zur barrierefreien Gestaltung von Wohnraum sowie zur Nutzung von seniorengerechter Technik. So lassen sich dort unter anderem ein rollstuhlgerechtes Pflegebad, ein stationäres wie auch ein mobiles Hausnotrufsystem sowie verschiedene Typen von Pflegebetten besichtigen.

Hausnotrufsystem

Ein stationäres sowie ein portables Hausnotrufsystem des DRK ermöglichen es den Bewohnern, sich in jeder Notlage an eine Pflegekraft zu wenden.

 

Die Wohnung dient darüber hinaus als Test- und Erhebungsraum für die bereits benannte Projektgruppe komoserv an der Hochschule Harz. Die bisherigen, unter der Leitung von Prof. Dr. Birgit Apfelbaum durchgeführten Forschungen (die ebenfalls im Rahmen der TECLA-Tagung vorgestellt wurden, siehe Links weiter unten) erbrachten unter anderem die Erkenntnis, dass viele ältere Mieterinnen und Mieter zwar ihren persönlichen Bedarf an Techniken und baulichen Veränderungen artikulieren können, sich dieser Bedarf jedoch nicht in einer marktrelevanten Nachfrage niederschlägt. Als Ursachen hierfür konnten unter anderem fehlendes Wissen der Zielgruppe über Kosten und Möglichkeiten entsprechender baulicher Veränderungen und Techniken identifiziert werden. Über das gemeinsam mit der Hochschule Harz aufgebaute Beratungsangebot sollen vor diesem Hintergrund zukünftig Hemm- und Informationsschwellen abgebaut und damit die Durchdringung entsprechender Lösungen gefördert werden.

Musterwohnung

Auch ästhetische Pflegebetten in verschiedenen Ausführungen können in der Musterwohnung in Augenschein genommen werden. 

 

Wie bereits weiter oben erwähnt, lassen sich die Foliensätze dieser beiden sowie der anderen fünf Vorträge der Fachtagung über den SlideShare-Account des TECLA-Netzwerks einsehen und bei Interesse auch herunterladen:

1 Uwe Witczak, ZIM NEMO-Netzwerk TECLA: Was beeinflusst ein langes, selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden?
2 Jens Schneider, OWG eG: Das Mehrgenerationenhaus als Bindeglied zwischen Bewohner, Baukörper und Technik
3 Dieter Klein, projekt3 e.V.: Leben im Alter – Wohnen und Wohnumfeld
4 Gabriele Schwentek, Diakonie Halberstadt: Im Alter selbständig in den eigenen vier Wänden leben
5 Christian Linde, WWG eG: Die AAL-Musterwohnung der WWG in Wernigerode
6 Prof. Dr. Birgit Apfelbaum und Thomas Schatz, Hochschule Harz: Zielgruppen und Zielgruppenansprache für Wohnraumberatung
7 Anna Jankowski, ZIM NEMO-Netzwerk GeniAAL Leben: Technologie im häuslichen Umfeld

Da die finanzielle Förderung des TECLA-Netzwerks durch das BMWi im kommenden Jahr nach drei erfolgreichen Jahren ausläuft, wird die Ausrichtung der nächsten Fachtagung übrigens bereits durch den 2012 eigens hierfür gegründeten Förderverein TECLA e.V. übernommen. Als Mitglied im Vorstand dieses Vereins und als dessen Schatzmeister werde ich in die Planung der nächsten Fachtagung also ebenfalls involviert sein – und freue mich schon heute darauf.

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Über Christian Reinboth

http://www.christian-reinboth.de

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